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„Arbeit ist der Frauen Zier“—Eine „dingliche“ Perspektive auf eine designiert weibliche, materielle Kultur

Abb. 1 Spruchtuch Arbeit ist der Frauen Zier, unbekannte Herstellerin, Stickerei auf Baumwolle, ca. 1900, Sammlung Museum Abtei Liesborn. Herkunft/Rechte: Museum Abtei Liesborn des Kreises Warendorf (CC BY-NC-SA)

Filigrane Fäden, Stich an Stich. Präzise Linien und Kreuze – Rot auf Weiß, Weiß auf Weiß. Gestickte Buchstaben auf Taschentüchern, Leib-, Tisch- und Bettwäsche. Zunächst verstaut in Schränken, Kisten und Truhen. Schließlich, mehrere Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, an die Oberfläche der Gegenwart geschwemmt. Aufgefunden in den Warenhalden der Konsumkultur – in Sozialkaufhäusern, in Trödelscheunen, auf Flohmärkten. Ihrem ursprünglichen Nutzungskontext entzogen, zeugen jene textilen Relikte von einer weitgehend verschwundenen Kulturpraxis.

In Mitteleuropa wurde die textile Aussteuer in Abgrenzung zur Mitgift als die von der Braut in die Ehe mitgebrachte Haushaltsausstattung verstanden. Der „mobile“ Besitz umfasste in erster Linie Dinge des persönlichen Gebrauchs wie Möbel und Textilien.1 Diese wurden durch Weißstickerei mit den Initialen der Braut „gezeichnet“.2 Kleidung und Haushaltstextilien sind Dinge des alltäglichen Gebrauchs. Spätestens mit der einsetzenden Industrialisierung wurden sie zu Massenware. Beide Umstände sind Ursprung einer doppelten „Unsichtbarkeit“: Marginalisiert als Gegenstände der als „weiblich“ geltenden häuslichen Sphäre und übersehen in ihrer Allgegenwärtigkeit. Ebendiese Beiläufigkeit alltäglicher Objekte, ihr privates, nicht-öffentliches Dasein, führte zu deren „Unsichtbarkeit“.3

Kann die Arbeit von Historiker:innen einen Beitrag leisten diese Unsichtbarkeit aufzubrechen? Weshalb sollten sich Historiker:innen mit textiler Aussteuer als Quellenmaterial auseinandersetzen? Auf welche Weise können Historiker:innen textile Aussteuer als Quellenmaterial befragen und analysieren? Fehlt der Geschichtswissenschaft als Disziplin nicht das notwendige „Handwerkszeug“ zu einer solchen Analyse textiler Aussteuer? Und fällt diese Art Textil – ihrem ursprünglichen Kontext entzogen – nicht eher in die Zuständigkeitsbereiche der Ethnologie oder der Kunstgeschichte? Ein näherer Blick auf Letztere verleitet zu dem Eindruck, dass textile Objekte nach wie vor ein randständiges Dasein als weiblich konnotiertes Kunsthandwerk fristen. „Weibliches“ Kunsthandwerk wurde historisch betrachtet von den „männlich“ besetzten bildenden Künsten, etwa der Malerei, der Bildhauerei sowie Fotografie und Film, abgegrenzt. Dieser Gedanke verfängt.

Fleiß und Präzision als weibliche Tugenden

Nadelarbeiten, zu welchen die textile Aussteuer zählt, grenzen sich durch das Geschlecht der Herstellerin sowie den verwendeten Materialien von den genannten Kunstformen ab. Sie sind eine direkte Quelle weiblicher Lebenswelten – angefertigt, genutzt und aufbewahrt von Frauen. Die Herstellung von Textilien ist im kulturellen Gedächtnis über Kontinente und Epochen hinweg mit dem weiblichen Geschlecht verbunden. Doch erst mit der Entstehung des Bürgertums wurden Nadelarbeiten im Verlauf des 19. Jahrhunderts als designiert weibliche Praxis gesellschaftlich festgeschrieben. Im Rahmen der bürgerlichen Frauenbildung sollten Mädchen und junge Frauen auf ihre zukünftige Rolle als Haus- und Ehefrau vorbereitet werden.4 Neben Müßiggang war Langeweile eine unliebsame Erscheinung, die durch die Anfertigung von Hand- und Nadelarbeiten unterdrückt oder gar bewusst bekämpft werden sollte.5 Die Herstellung feiner Nadelarbeiten (Abb. 2) galt als Ausweis der „weiblichen“ Tugenden par excellence, Fleiß und Geduld.6 Stellte handwerkliche Virtuosität bei der Herstellung von Textilien in Verbindung mit (Selbst)Disziplinierung zeitgenössisch den Inbegriff von Weiblichkeit dar?


Abb. 2 Weißstickerei, unbekannte Herstellerin, Sammlung der Autorin. Foto: Rebecca Bender

Performativ wurden die jungen Frauen sowohl in der schulischen Bildung als auch im Privaten zu Präzision und Perfektion angehalten und den Rollenbildern der Zeit entsprechend diszipliniert7. Diese erlernten Fähigkeiten kulminierten in der Herstellung der Aussteuer.8 Die Vielfalt und Quantität an Stickmusterbüchern und Stickvorlagen lassen die These plausibel erscheinen, dass die Nadelarbeiten mutmaßlich weniger kreativ als handwerklich präzise umgesetzt wurden. Es ist anzunehmen, dass eine handwerklich genaue und durchaus konformistische Umsetzung textiler Techniken ein Ergebnis der Disziplinierung junger Frauen und Mädchen darstellte.

Kodierte Ausdrucksform oder Identitätseinschreibung?

Die Disziplinierungsthese mag durchaus zutreffend sein, gleichzeitig verstellt sie den Blick auf potenzielle Handlungsspielräume von Frauen. Als Zeugnis einer materiellen Kultur ermöglicht die textile Aussteuer einen Zugang zu vergangenen Lebenswelten, der durch „klassische“ schriftliche Quellen, in denen Frauen als handelnde Subjekte größtenteils abwesend sind, verschlossen bliebe.9 Nadelarbeiten stehen für ein eigenes Konzept von Schriftlichkeit in Bezug zu Schriftträger und Schreibmaterial. Sie können als eine schriftliche Quelle der anderen Art betrachtet werden: Von Frauen „gezeichnete“, also beschriftete, Textilien. Der These „the Needle as a pen“ folgend wird das Sticken von Monogrammen auf textile Aussteuer in diesem Beitrag zum einen als eine kodierte Ausdrucksform, zum anderen als ein Einschreiben der eigenen Identität in ein Objekt verstanden.10 Ein sehr anschauliches Beispiel für eine Form der kodierten Kommunikation ist die Bedeutung der roten Kreuzstickerei. Anlässlich der einsetzenden Regelblutung einer jungen Frau wurde die Leibwäsche mit ihren Initialen durch rote Kreuzstiche „gezeichnet“ (Abb. 3).11 Durch diese „Markierung“ drückte die Eigentümerin der Aussteuer mutmaßlich aus, dass sie durch das Erreichen der Geschlechtsreife bereit sei, ihre von der Gesellschaft vorgesehene Rolle als Ehefrau und Mutter einzunehmen.

Abb. 3 Rote Kreuzstickerei, Fragment, unbekannte Herstellerin, Sammlung der Autorin. Foto: Rebecca Bender.

Die These einer kodierten Kommunikation wirft Fragen auf: Waren ausschließlich Frauen in der Lage, diese Form der Verschlüsselung zu entschlüsseln? Wurden neben sozialen und kulturellen, auch religiöse oder politische Inhalte auf diese Weise transportiert? Eine weiterführende Analyse verwendeter Materialien, Farben und Muster könnte Aufschlüsse über individuelle Vorlieben, das Vorhandensein oder die Abwesenheit von Regelwerken und Symboliken ergeben.

Im Hinblick auf die These einer Art subversiven Kommunikation sind ungeachtet pädagogischer und ideologischer Bestrebungen der bürgerlichen Frauenbildung die kunsthandwerklichen Aspekte textiler Techniken nicht zu vernachlässigen. Trotz eines gewissen Grades an Konformität und Reproduktion durch Mustervorlagen sowie den Einfluss zeitgenössischer Mode und Symbolik sind Tendenzen einer Individualisierung in Exemplaren textiler Aussteuer erkennbar. Das „Markieren“ der Aussteuer kann folglich auch als Akt des Einschreibens in ein Objekt und der Artikulation des Selbst verstanden werden, zu einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der die Aussteuer einer Frau ihr einziges alleiniges Eigentum darstellte. Betrachtet man vor diesem Hintergrund einzelne Beispiele textiler Aussteuer, wird deutlich, dass persönlicher Geschmack und Vorlieben in Farbgestaltung, Ausschmückung und Formgebung die Gestaltung der Stickerei beeinflussten. Dabei spielte die Präzision der Ausführung augenscheinlich eine gleichbleibend bedeutende Rolle.

Eine gängige Lesart in der Forschungsliteratur lautet: Je „höher“ die Qualität der handwerklichen Ausfertigung der textilen Aussteuer, desto „weiblicher“ erschien deren Eigentümerin. Dies hieße bezogen auf das Quellenmaterial: je präziser, je konformistischer die Nadelarbeit umgesetzt wurde, desto eher entsprach die Eigentümerin der Aussteuer dem Rollenbild der Zeit. Doch der Fokus auf die rein technische Qualität der Nadelarbeit ignoriert den Handlungsspielraum von Frauen und führt dazu, dass seine potenziellen Spuren und die zugrunde liegende Intention übersehen werden. In welchem Maße wird individueller oder künstlerischer Ausdruck in der Aussteuerpraxis sichtbar und an welcher Stelle wird dieser unterdrückt? Welche Auswirkungen hatten Langeweile oder Gleichgültigkeit auf die Herstellung textiler Aussteuer? Kann Abneigung oder Widerstand gestickt werden?



Der Beitrag entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung „Schriftlose Geschichte: Erinnerungen, Objekte und Träume als globale Zugänge zu Vergangenheiten“, die Sina Steglich im Wintersemester 2025/26 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München angeboten hat.



Rebecca Bender ist ausgebildete Damenmaßschneiderin, studierte Kostümgestaltung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden und absolviert momentan einen Master im Fach Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.


Creative Commons License
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International License.
  1. Vgl. Margareth Lanzinger: Mitgift, in: Friedrich Jaeger (Hrsg.),Enzyklopädie der Neuzeit Online, 2019, URL: https://doi-org.emedien.ub.uni-muenchen.de/10.1163/2352-0248_edn_COM_312228 (01.04.2026); vgl. Agnès Fine: Die Aussteuer – Teil einer weiblichen Kultur?, in: Alain Corbin et al. (Hrsg.), Geschlecht und Geschichte. Ist eine weibliche Geschichtsschreibung möglich?, Frankfurt a. M. 1989, S. 167. []
  2. Vgl. Thérèse de Dillmont, Encyclopædie der weiblichen Handarbeiten. Nachdruck der deutschen Ausgabe von 1908, Augsburg 1996, S. 51. []
  3. Vgl. Andreas Ludwig, Geschichte ohne Dinge? Materielle Kultur zwischen Beiläufigkeit und Quelle, in: Historische Anthropologie 23/3 (2015), S. 431-432. []
  4. Siehe Bärbel Ehrmann-Köpke, “Demonstrativer Müßiggang” oder “rastlose Tätigkeit”? Handarbeitende Frauen im hansestädtischen Bürgertum des 19. Jahrhunderts, Münster 2010; siehe auch Dagmar Neuland-Kitzerow, Das Sticken der Frauen und Mädchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwischen Disziplinierung und Kreativität, Jahrbuch Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Bd. 3, Berlin 2000, S. 19-32. []
  5. Vgl. Kessel, Martina, Langeweile. Zum Umgang mit Zeit und Gefühlen in Deutschland vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert, Göttingen 2001, S. 113; vgl. auf diesem Blog Ludewig, Franziska, Sozial normierte Zeit. Die begrenzte Zukunft einer Frau bürgerlichen Standes um 1800, in: Geschichtstheorie am Werk, 14.04.2026, DOI: https://gtw.hypotheses.org/33882. []
  6. Vgl. Ehrmann-Köpke, Demonstrativer Müßiggang, S. 86. []
  7. Vgl. Ebd., S. 14, 17-18 []
  8. Vgl. Ebd., S. 188; vgl. Neuland-Kitzerow, Das Sticken der Frauen und Mädchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwischen Disziplinierung und Kreativität, S. 27. []
  9. Vgl. Mara Woltering, „Live, Love, Laugh“ um 1900. Geschlechterrollen mit bestickten Spruchtüchern des Museums Abtei Liesborn erforschen und vermitteln, in: Westfalen/Lippe – historisch, 17.05.2024, URL: https://doi.org/10.58079/11ol8 (01.04.2026). []
  10. Vgl. Heather Pristash, Ines Schaechterle u. Sue Carter Wood, The Needle as the Pen. Intentionality, Needlework, and the Production of Alternate Discourses of Power, in: Maureen Daly Goggin u. Beth Tobin, Women and the Material Culture of Needlework and Textiles, 1750-1950, Burlington/Surrey 2009, S. 15-16. []
  11. Vgl. Fine, Die Aussteuer, S. 179. []

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Rebecca Bender (June 16, 2026). „Arbeit ist der Frauen Zier“—Eine „dingliche“ Perspektive auf eine designiert weibliche, materielle Kultur. Geschichtstheorie am Werk. Retrieved September 13, 2026 from https://doi.org/10.58079/16esf


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