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Politische Theorie trifft Geschichtstheorie: Viele Gründe für einen längst fälligen Dialog


Titelblatt von Thomas Hobbes Leviathan, Gravur von Abraham Bosse, 1651, gemeinfrei.

Mit diesem gemeinsamen Issue von „Geschichtstheorie am Werk“ und „theorieblog.de“ treffen zwei theoretische Perspektiven aufeinander, die sich in ihren jeweiligen Disziplinen häufig aus unterschiedlichen Richtungen mit sehr ähnlichen grundlegenden Problemen beschäftigen. Politische Theorie kommt kaum ohne Vorstellungen von Geschichte, historischem Wandel und Zukunft aus. Umgekehrt operiert Geschichtsschreibung nicht unabhängig von Annahmen darüber, wie Gesellschaften funktionieren, wer politisch handeln kann oder welche Formen gesellschaftlicher Ordnung möglich und vielleicht sogar von Akteur:innen erwünscht werden. Das gemeinsame Issue mit dem theorieblog.de nimmt diese wechselseitigen Bezüge zum Ausgangspunkt, um danach zu fragen, wo Geschichtstheorie und politische Theorie ineinandergreifen – gerade dort, wo diese Verbindung nicht ausdrücklich thematisiert wird. Die Beiträge, die hier auf Geschichtstheorie am Werk erscheinen erscheinen parallel auch auf dem theorieblog.de.

Aus der Perspektive der politischen Theorie stellt sich unter anderem die Frage, wie viele historische und Zeitverlaufsvorstellungen in politischen Theorien stecken. Welche Annahmen vom Verlauf der Geschichte, vielleicht sogar von ihrer Kausalität, liegen politischen Argumentationen zugrunde? Welche Fortschritts-, Krisen-, Niedergangs- oder Emanzipationserzählungen strukturieren sie? Welche historischen Beispiele und Meistrerzählungen werden herangezogen, um politische Ordnungen und ihren Wandel zu erklären, Kritik zu begründen oder mögliche Zukünfte zu entwerfen? Dabei geht es nicht allein um explizite historische Bezugnahmen. Ebenso relevant sind implizite Vorstellungen von Geschichtlichkeit: Wird Zukunft als offen gedacht oder als durch vergangene Entwicklungen vorgezeichnet? Welche Handlungsspielräume werden historischen und gegenwärtigen Akteur:innen zugeschrieben? Und welche Vorstellungen von Zeit und Wandel müssen vorausgesetzt werden, damit politische Begriffe wie Fortschritt, Reparation, Transformation oder Utopie überhaupt plausibel werden?

In umgekehrter Blickrichtung fragt das Issue nach den politik- und gesellschaftstheoretischen Voraussetzungen historischen Forschens und Schreibens. Historische Narrative beschreiben gesellschaftliche und politische Prozesse nicht lediglich, sondern versuchen auch die agency der Akteur:innen zu erfassen. Sie unterscheiden relevante von weniger relevanten Gruppen, bestimmen Brüche und Kontinuitäten und treffen damit Entscheidungen darüber, wie politisches Handeln und Gesellschaft beschrieben werden. In diesem Issue soll den Vorstellungen von Gesellschaft, Demokratie, Partizipation, Gerechtigkeit und Herrschaft nachgegangen werden, die in historischen Erzählungen eingeschrieben sind. Gefragt wird beispielsweise, wann und vielleicht noch vielmehr wie analytische Kategorien selbst zu politischen Setzungen werden und inwiefern im Rahmen der Geschichtsschreibung politisch agiert wird, wenn bestimmten Kollektiven historische Sichtbarkeit und Handlungsmacht zugesprochen wird.

Es ist zu vermuten, dass die hier skizzierten Verbindungen beider Felder vor allem dort besonders sichtbar sind, wo es um Zeitlichkeit, Normativität und Kollektivität geht. Zentrale gemeinsame Fragestellungen sind bespielsweise, welche Zeitkonstruktionen historische und politische Argumentationen strukturieren und zu welchen Zwecken diese eingesetzt werden. Außerdem wird danach gefragt, welcher (implizite) normative Gehalt den Entwürfen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugrunde liegt, ferner, welche Folgen diese Annahmen für eine gestaltbare Zukunft haben und zugleich wie wandelbare, heterogene Gruppen überhaupt zu historischen oder politischen Subjekten werden können. Auf welche Weise und mit welchen Intentionen werden Kollektive über Zeit hinweg als identisch postuliert und dementsprechend erzählt, obwohl ihre Zusammensetzung, ihre Interessen und ihre Selbstbeschreibungen fortwährend Veränderungen unterliegen?

Schließlich kann sich der Blick auch auf die materiellen und institutionellen Bedingungen solcher Zeit- und Geschichtsvorstellungen richten. Archive, Bibliotheken, digitale Infrastrukturen und Praktiken des Bewahrens beruhen selbst auf Annahmen darüber, was Bestand haben soll, was zugänglich bleiben muss – und was nicht. Auch hier verbinden sich Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft mit politischen Entscheidungen.

Das gemeinsame Issue versteht die Begegnung von Geschichtstheorie und politischer Theorie deshalb nicht als bloßen Vergleich zweier Theorieangebote. Im Zentrum steht vielmehr die Frage, was sichtbar wird, wenn beide Disziplinen einander bei ihrer Arbeit beobachten: Welche Voraussetzungen erscheinen aus der jeweils anderen Perspektive plötzlich erklärungsbedürftig? Welche scheinbaren Selbstverständlichkeiten erweisen sich als historisch, politisch oder normativ voraussetzungsreich? Und schließlich: Sind politische Theorie und Geschichtstheorie überhaupt unabhängig voneinander denkbar oder verweisen beide notwendigerweise aufeinander?


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Editorial Board (September 10, 2026). Politische Theorie trifft Geschichtstheorie: Viele Gründe für einen längst fälligen Dialog. Geschichtstheorie am Werk. Retrieved October 10, 2026 from https://doi.org/10.58079/16r2m


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